Die Niederlande und Flandern haben mehr zu bieten als grenzenlose Tulpenfelder, Gewächshaus-Tomaten und Käse: Vom 19. bis 23. Oktober sind Flandern und die Niederlande Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse 2016. Das Frollein stellt Autoren und Bücher vor, die man als perfekte Vorbereitung kennen lernen sollte. Heute: Connie Palmen.

Die Gesetze: Connie Palmens Durchbruch

Zu einer der renommiertesten Schriftstellerinnen der Niederlande gehört Connie Palmen. Ihr Gesamtwerk ist stark mit ihrer eigenen Biografie verknüpft, die vor allem durch zwei große Lieben geprägt ist. In Deutschland kennt man Connie Palmen weniger, sie taucht höchstens einmal in der ZEIT auf, wenn sie ein neues Buch veröffentlicht. Nicht schlecht, aber Massenware ist sie nicht. In den Niederlanden gehört sie zu den gesetzten Größen, weshalb sie selbstverständlich auch auf der Frankfurter Buchmesse 2016 zu Gast sein wird. Ihr Weg als Schriftstellerin begann 1991 mit dem Roman “De Wetten” (Die Gesetze). Wie sie auch selbst, studiert die Protagonistin Philosophie. Vielleicht war der Besuch des Logik-Seminars ein besonders großes Vergnügen, denn das Buch ist stark konstruiert: Die Studentin begegnet in sieben Jahren sieben Männern, die ihr Leben nach einem bestimmten Prinzip gestalten. So entstehen die sieben Figuren: Der Astrologe, der Epileptiker, der Philosophe, der Priester, der Physiker, der Künstler und der Psychiater. In jedem der sieben Kapitel untersucht und reflektiert sie die Männer und ihre Weltsicht – und sucht im Widerschein letztendlich sich selbst und findet sich auch. Wie autobiografisch dieser Roman ist, der im Jahr 1991 ein absoluter Erfolg in den Niederlanden war, sei dahingestellt. Interessanterweise bezeichnet sie ihr Werk selbst als Autobiofiktion. Genügend Stoff für viele weitere Romane hat sie. In einem Interviewgespräch zu ihrem Roman lernt sie 1991 Ischa Meijer kennen. Sofort verlieben sich die Schriftstellerin und der scharfzüngige Journalist ineinander. Ihre Liebe findet 1995 ein jähes Ende, als Ischa Meijer an einem Herzinfarkt stirbt. Eine Geschichte, die das Leben schreibt.

Schreiben, was das Leben einem vorgibt: I.M.

Im Jahr 1998 veröffentlicht sie daraufhin das Buch  “I.M.: Ischa Meijer – In Margine. In Memoriam”. Sie erzählt ihre Liebesgeschichte und mischt gekonnt ihre Erinnerungen und Begebenheiten mit philosophischen Ansichten. Daraus entsteht etwas Seltenes, eine Liebesgeschichte ohne Schnörkel und viel Rationalismus. Der Leser bekommt einen Einblick in diese explosive Liebe zweier sehr unterschiedlicher Menschen. Meijer inszenierte sich gern und knabberte an seiner jüdischen Geschichte, die ihn nie ganz los lies und prägte. So extrovertiert Meijer ist, so zurückgezogen ist Palmen. Sie sagte einmal, dass sie den Beruf der Schriftstellerin auch wählte, weil sie dabei allein arbeiten könne. Auch allein verarbeitet sie den plötzlichen Tod von Ischa Meijer und lernt über Cees Nooteboom, über dessen Werk sie im übrigen ihre Abschlussarbeit geschrieben hatte, den früheren Außenminister Hans van Mierlo kennen und lieben. Elf Jahre sind sie zusammen, bevor sie heiraten. Nur ein Jahr später, im Jahr 2010, stirbt er an einer schweren Krankheit.

Liebe, Tod und Verlust: Die Themen der Conny Palmen

Conny Palmen verarbeitet auch diesen Verlust schreibend. Es entsteht das “Logboek van een onbarmhartig jaar”(Logbuch eines unbarmherzigen Jahres), das 2011 veröffentlicht wird und sich wie ein Tagebuch liest, das das letzte gemeinsame Jahr des Paares reflektiert. Seither widmet sich die Autorin anderen Liebesgeschichten. Zu ihrem Werk gehört auch “Luzifer”, ein Roman aus 2007. Hier spielt zur Abwechslung einmal eine andere Biografie die große Rolle. Conny Palmen wickelt die tragische Liebesgeschichte zwischen dem Komponisten Lucas Loos und seiner Frau Carla auf, die 1981 mit dem Tod Carlas endete. War es Mord, ein Unfall oder Selbstmord? Palmen beantwortet diese Frage nicht, sondern betrachtet den Fall von einer Metaebene, die die Dynamik einer Liebe reflektiert, die immer nur in einer Tragödie zu enden scheinen darf. Auch in ihrem neuesten Roman, der 2015 erschien, spielt ein reales Liebespaar die Hauptrolle. In “Jij zegt het” (Du sagst es, 2016) lässt sie den englischen Schriftsteller Ted Hughes sprechen. Er war bis 1963 mit der Schriftstellerin Sylvia Plath verheiratet. Zusammen waren sie das Traumpaar der Literaturszene. Die zerstörerische Liebe endete mit dem Selbstmord Plaths. Plath litt an schweren Depressionen und beschuldigte ihren Mann der Untreue. Zuerst waren diese Anschuldigungen unbegründet, später begründet, er flüchtete sich in eine Affäre mit Assia Wevill. Besonders tragisch: Nur wenige Jahre später nahm sich auch Assia das Leben und tötete dabei auch die gemeinsame Tochter. War Ted Hughes teuflisch? Brachte er Unheil in das Leben der Frauen? Der Schriftsteller äußerte sich nie darüber, Conny Palmen gibt ihm eine fiktionale Stimme und bleibt damit ihrem Stil und ihrer Herangehensweise treu. Mit ihrem Leben erhielt Conny Palmen auch das Thema ihres Schreibens: Die Liebe und ihr Schmerz. Ein Stück davon steckt auch in jeder glücklichen Liebe, denn das diese endlich ist, weiß wohl niemand besser als Conny Palmen. Ihr Metier hat sie damit sauber abgesteckt und es bietet noch ausreichend Stoff für viele weitere Werke.