Die Niederlande und Flandern haben mehr zu bieten als grenzenlose Tulpenfelder, Gewächshaus-Tomaten und Käse: Vom 19. bis 23. Oktober sind Flandern und die Niederlande Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse 2016. Das Frollein stellt Autoren und Bücher vor, die man als perfekte Vorbereitung kennen lernen sollte. Heute: Kluun.

Das literarische Werk von Raymond van de Klundert – alias Kluun – ist durch und durch biografisch geprägt. Mit einem Schicksalsschlag beginnt seine Karriere als Schriftsteller, die streitbar ist. Im Jahr 2011 stirbt seine Frau Judith mit nur 36 Jahren an Krebs. Der lebensfrohe Marketingmensch mit Charisma und einem Hang zum extrovertierten Lebensstil ist von so viel banaler Lebenswirklichkeit getroffen. Mit seiner damals dreijährigen Tochter geht er nach Australien, sein Marketingbüro verkauft er. Über die Zeitspanne zwischen der Krebsdiagnose und dem Tod schreibt er den Roman “Komt een vrouw bij de dokter”, der im Jahr 2003 in den Niederlanden erscheint. Wer alltagsgebäuchliche niederländische Wörter lernen möchte, der ist hier richtig. Hohe literarische Kunst trifft der Leser nicht, dafür die ungeschönte Lebenswelt des Kluun. Sein Alter Ego Stijn liebt seine Frau Carmen, hat aber immer wieder gern One-Night-Stands mit jungen Frauen, er trinkt gern und liebt das Amsterdamer Nachtleben. Er schlingert immer zwischen verantwortungsvollem Familienvater und Casanova – für eine von beiden Seiten möchte er sich nicht entscheiden und bleibt somit das ewige Kind im Manne.

Vreemdgaan stelt geen fuck voor. Het is als masturberen, met het enige verschil dat er toevallig een vrouwenlichaam in het spel is. (“Fremdgehen ist kein Ficken. Es ist eher wie Masturbieren, mit dem einzigen Unterschiede, dass zufällig ein Frauenkörper ins Spiel kommt.”)

Seine Frau Carmen scheint sich mit den Ausschweifungen ihres Mannes abgefunden zu haben. Sie ist selbst ein Mensch, der es privat wie auch beruflich gern krachen lässt – ein Glamour-Pärchen eben – jedoch haben sich ihre Prioritäten seit der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter etwas verschoben. Man könnte denken, dass sich ein Ehemann seiner Verantwortung spätestens dann bewusst wird und vollkommen widmet, wenn die Ehefrau schwer an Krebs erkrankt. Stijn flieht wiederum in eine Affäre, die ihn von der kranken Frau ablenken soll, die Zuhause wartet.

Der Zeitgeist der Liebesgeschichten

Trotzdem ist “Komt een vrouw bij de dokter” eine Liebesgeschichte, wenn der Hauptakteuer auch seine Ecken und Kanten hat. Er ist ein Lebemann, der erst zum Ende des Romans der bitteren Wahrheit ins Auge sehen kann. Zuvor versucht das Ehepaar den Krebs wegzurecherchieren, wegzuvögeln und mit möglichst viel Selbstironie die Situation herunterzuspielen.

We vertellen iedereen dat de geest sterker kan zijn dan het lichaam. Wat zeg ik – sterker is dan het lichaam! We gaan ervoor! Al wie ons liefheeft, volge ons in onze strijd tegen beter weten in en grijpe tezamen met ons deze strohalm!

(“Wir erzählen jedem, dass der Geist stärker als der Körper sein kann. Ach was – stärker als der Körper ist! Wir kämpfen dafür! Alle die uns liebhaben sollen uns in diesem Kampf gegen das bessere Wissen begleiten und zusammen greifen wir nach diesem Strohhalm!”)

Die niederländische Literaturkritik verreißt das Buch komplett – auch aufgrund der wenig lyrischen Wortwahl – trotzdem gehört es mit mehr als einer Million verkaufter Exemplare zu den erfolgreichsten Büchern der Niederlande. Der Roman konnte sich über fünf Jahre in den Top60 der Bestseller-Liste halten. Er wird ins Deutsche, Englische, Französische sowie in 20 weitere Sprachen übersetzt. In Deutschland wurde der Roman positiver aufgenommen. Es erschien 2005 unter dem Namen “Mitten ins Gesicht”, der Spiegel nennt den Roman eine “krude ‘Love Story’ für das 21. Jahrhundert” und sicher kommt die gezeigte Realität der von vielen Menschen näher, als die üblichen Schmonzetten à la “Bis dass der Tod uns scheidet”. Entscheidend für den Erfolg des Romans ist auch die Authentizität – es bleibt offen, ob Kluun das Leben eines Stijns lebte, aber in jedem Fall kann er die Gefühle seines Protagonisten nachvollziehen. Ein weiteres Erfolgsrezept ist die Sprache und Struktur des Buches. Die Textpassagen werden durch Kurznotizen in Kästchen und Zitatsongs aufgelockert, alle Dinge werden beim Namen genannt.

Popliteratur never dies

Damit erinnert Kluun etwas an Benjamin von Stuckrad-Barre, der wenige Jahre zuvor (1998) sein popliterarisches Buch “Soloalbum” veröffentlichte. Wenn Stuckrad-Barre der Bad Boy der deutschen Gegenwartsliteratur war, dann ist es in der Niederlande noch immer Kluun. Beide eint ihre Beziehung zu den Medien, wenn auch Kluun aus der Marketing-Ecke und Stuckrad-Barre aus der journalistischen Ecke kommt. Beide wissen, wie es geht. Während es in den letzten Jahren ruhig um Stuckrad-Barre geworden ist, hat sich Kluun zu einer wichtigen publizistischen Stimme in den Niederlanden gemausert. 2004 erschien seit Ratgeber “Help, ik heb mijn vrouw zwanger gemaakt!” (Hilfe, ich habe meine Frau geschwängert!), 2006 erschien unter dem Titel “De weduwnaar” (dt. “Ohne Sie”) die Fortsetzung von “Komt een vrouw bij de dokter”. Auch hier vermischen sich Realität und Fiktion – wie auch Kluun flieht Stijn nach dem Tod seiner Frau. Stijn vögelt sich zunächst durch Amsterdam und Ibiza, was in einer sehr direkten Sprache dargestellt wird. Schließlich packt er mit seiner Tochter die Koffer und geht nach Australien, um dort sein Leben neu zu sortieren. Der zweite Roman endet mit einer neuen Liebe und den Worten “De toekomst is weer begonnen” (“Die Zukunft beginnt jetzt”). Auch Kluun hat es geschafft, sich zu sortieren. Er schreibt Kolumnen für die niederländische Tageszeitung “De Pers”, tritt in Abendshows auf und verfasst Essays. Er heiratete sogar ein zweites Mal, jedoch wurde 2011 nach sechs Jahren die anstehende Scheidung bekanntgegeben. Es bleibt spannend, ob Kluun wieder einmal etwas Literarisches von sich hören lässt –  Stuckrad-Barre feiert dieser Tage sein literarisches Comeback: Am 10. März erscheint “Panikherz”, der Klappentext verspricht nicht mehr als die “Geschichte der Popkultur der letzten 20 Jahre” – vielleicht gibt es ein fulminantes Wiedersehen?

Kluun: Mitten ins Gesicht

Verwendete niederländische Ausgabe: Kluun, Komt een vrouw bij de dokter, Podium 2009, 333 Seiten.
Deutsche Ausgabe: Kluun, Mitten ins Gesicht, S. Fischer Verlage 2005, 368 Seiten.