Die Niederlande und Flandern haben mehr zu bieten als grenzenlose Tulpenfelder, Gewächshaus-Tomaten und Käse: Vom 19. bis 23. Oktober sind Flandern und die Niederlande Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse 2016. Das Frollein stellt Autoren und Bücher vor, die man als perfekte Vorbereitung kennen lernen sollte. Heute: Harry Mulisch und “De Aanslag”.

Diese kleine Serie wird von einem der ganz großen niederländischen Schriftsteller begonnen. In Deutschland wurde Harry Mulisch durch seine Selbstbetrachtung „Ik ben de Tweede wereldoorlog“ – “Ich bin der Zweite Weltkrieg” bekannt. Tatsächlich verbinden sich in seiner Biografie die wichtigsten Momente des 20. Jahrhunderts. Sein Vater war ein gebürtiger Österreicher, der während der deutschen Besetzung der Niederlande einer niederländischen Bank als Personaldirektor vorstand. Als “Reichsdeutscher” musste der in den Niederlanden lebende die unliebsame Aufgabe der Arisierung jüdischen Eigentums übernehmen – jedoch rettete er damit wahrscheinlich das Leben seiner Ex-Frau und seines Sohnes Harry. Harrys Vater war bis 1936 mit Alice Schwarz verheiratet, einer Jüdin aus einer Frankfurter Bankiersfamilie – Harry wurde 1927 als die Frucht dieser Verbindung in Haarlem, unweit von Amsterdam, geboren. Als sein Vater zwischen 1940 und 1945 für die Nazi-Besetzer tätig war, konnte dieser eine schützende Hand über seine Familie halten. Er starb 1957 an den Folgen seines Aufenthaltes in einem Internierungslager, in dem er nach dem Kriegsende als Bestrafung für seine Nazi-Tätigkeit drei Jahre untergebracht war. Harrys Großmutter und Urgroßmutter mütterlicherseits hatten weniger Glück und wurden im KZ Sobibor ermordet. Mit diesem Start ins Leben trägt Harry Mulisch das Leid eines ganzen Jahrhunderts auf seinen Schultern – vielleicht war es dadurch zwingend notwendig, dass er seine Geschichte als Schriftsteller schreibend verarbeitete. Teil dieses Prozesses war sicher auch seine Rolle als Berichterstatter während des Eichmann-Prozess in Israel im Jahr 1961.

Zwischen Opfer und Täter gibt es keinen Platz für Helden

Möchte man Harry Mulisch als Vorbereitung auf die Frankfurter Buchmesse 2016 kennen lernen, empfiehlt sich sein Roman “Das Attentat”(“De Aanslag”). Hier stellen sich einige der wichtigsten Fragen, die man sich in Bezug auf den 2. Weltkrieg und die Rolle eines jeden Einzelnen stellen kann: Wann wird man zum Täter? Wann macht man sich schuldig? Und gibt es ein Vergeben und Vergessen? Die Erzählung begleitet Anton Steenwijk in fünf Episoden durch sein Leben. Dessen Richtung wird 1945 bestimmt, als der niederländische Nationalsozialist Fake Ploeg in der Straße erschossen wird, in der Steenwijks leben. Die Mörder sind aller Wahrscheinlichkeit nach niederländische Widerstandskämpfer, die sich dem Besatzerregime entgegenstellen möchten. Die Nachbarn von Steenwijks beobachten den Mord und nehmen die Leiche des Mannes von einer Haustür und legen sie vor die Haustür der Familie Steenwijk. Anton ist damals 12 Jahre alt. Als Folge dieser Tat werden seine Eltern und sein Bruder ermordet, sein Elternhaus in Haarlem niedergebrannt. Nun kann man diese tragische Verwicklung aus mehreren Perspektiven betrachten: Schuld haben aus Sicht von Anton die Nazis, aber auch die Mörder von Fake Ploeg. Diese hatten einen Grund für diese Tat. Fake Ploeg war glühender Nazi-Anhänger und Denunziant. Auf einer Beerdigung trifft Anton Jahre später einen der Attentäter. Er rechtfertigt die Tat mit der Begründung, dass mit dem Mord eines Einzelnen schlimmere Taten verhindert wurden.

Hij had een zweep met ijzerdraad er in geflochten, waarmee hij de vellen van je gezicht sloeg, en van je blote kont, en dan douwde hij je met je achterste tegen de gloeiende kachel. Hij stopte een tuinslang in je reet en liet hem net zo lang spuiten tot je je stront uitkotste. Hij heeft weet ik hoeveel mensen afgemaakt en nog veel meer de dood ingejaagd in Duitsland en Polen. Goed. Die moest dus uit de weg geruimd worden (S.153).

Er hatte in eine Peitsche Draht eingeflochten, mit der er dir die Haut vom Gesicht schlug, und auf den nackten Arsch, und dann drückte er dich mit dem Rücken gegen den heißen Ofen. Er stopfte dir einen Schlauch in deinen Arsch und ließ ihn solange laufen, bis du deine Scheiße ausgekotzt hast. Er hat was weiß ich wie viele Menschen auf dem Gewissen und noch so viel mehr Menschen in Deutschland und Polen den Tod gebracht. Also, er musste aus dem Weg geräumt werden (eigene Übersetzung).

Im zweiten Schritt war die Familie schuldig, die den Steenwijks die Leiche vor die Tür legte. Waren sie selbst Nazi-Sympatisanten, die sich bei den Stenwijks rächen wollten? Die Tat bleibt für Anton ein Mysterium, das ihn sein Leben lang begleitet. Lange nach dem Kriegsende trifft er den Sohn von Fake Ploeg. Dieser hat in der schicksalsträchtigen Nacht seinen Vater verloren. Auch er hat seine eigene Sicht auf die Dinge. Er ist noch Jahrzehnte später voller Hass auf die Mörder seines Vaters.

Natuurlijk was hij een fascist, maar een goeie, uit overtuiging. Het moest anders worden in Nederland, het mocht nooit meer worden zoals vroeger onder Colijn, toen hij op arbeiders moest schieten. Hij was niet zo’n verdomde meeloper, zoals bijna alle hollanders. Als Hitler de oorlog had gewonnen, hoeveel hollanders, denk je, waren er dan vandaag nog tegen hem geweest? (S. 127)

Natürlich war er ein Faschist, aber ein guter, aus Überzeugung. Es musste in den Niederlanden anders werden, esdurfte nie mehr so wie früher unter Colijn (Anmerkung: niederländischer Politiker) werden, als er auf Arbeiter zu schießen hatte. Er war nicht so ein verdammter Mitläufer wie fast alle Holländer es waren. Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte, wie viele Holländer, glaubst du, wären dann heute noch gegen ihn? (eigene Übersetzung)

Alle tragen ihr Päckchen, das ist klar. Die Frage, die im Raum steht: Wann ist ein Opfer gerechtfertigt? Durfte man den Vater Fake Ploeg ermorden, weil er die falsche politische Gesinnung trug? Und schließlich stellt sich mit der Auflösung des Rätsels die Frage: War es den Preis wert, den die Steenwijks zahlen mussten, als sie um eines anderen, moralisch wertvollen Willens geopfert wurden? Es ist typisch Mulisch, dass man als Leser neben aller Unterhaltung immer mit einer Frage zurückgelassen wird, die man hin- und herwenden muss. Man soll sich und sein Gewissen selber prüfen: Wie hätte ich gehandelt? Hier schließt sich der Kreis, denn auch Mulisch persönlich musste sich durch seine verwobene Familiengeschichte die Frage stellen, wer warum und wie gehandelt hat. Wer noch Zeit hat und weiter in das Mulisch’sche Universum vordringen möchte, der wagt sich an Harry Mulischs Opus Magnum “Die Entdeckung des Himmels” (“De ontdekking van de hemel”).

Gemeinsam mit den Schriftstellern Willem Frederik Hermans und Gerard Reve zählt Harry Mulisch zu den “großen Drei” der niederländischen Nachkriegsliteratur. Nachdem die ersten beiden verstorben waren, scherzte Mulisch, er sei jetzt der “große Eine”. Im Jahr 2010 ging auch Harry Mulisch.

Das Attentat als Buch

Verwendete niederländische Ausgabe: Harry Mulisch, De Aanslag, De Bezige Bij 1992, 254 Seiten.
Deutsche Ausgabe: Harry Mulisch, Das Attentat, Rowohlt Verlag 2000, 192 Seiten.