Buchtitel Geht alles gar nicht von Marc Brost und Heinrich WefingHeute erscheint die Antwort der Männer auf die Klagen der Frauen in Bezug auf Unvereinbarkeit von Beruf und Familie. Auf die permanente Überlastung. Auf die große Lücke, die bei vielen jungen Menschen klafft, wo eigentlich Lebensfreude, Zufriedenheit und Ausgeglichenheit zu finden sein müssten. Das Buch überzeugt durch eine klare Analyse und kommt wiederum zu dem Fazit, dass es an allen Ecken und Enden hapert – bei Männern wie Frauen. Das Buch endet leider im John Lennon O-Ton “Imagine” – in Träumen aus Schäumen. Schade eigentlich – aber wird sind zu müde für den Aufstand.

Die Gleichberechtigung bringt die Müdigkeit zu den Männern

Die beiden Autoren Marc Brost und Heinrich Wefing wissen von was sie reden, wenn sie auf die umfassende und allgegenwärtige Überforderung an Aufgaben, Reizen, Visionen und Herausforderungen unserer Generation hinweisen. Beide Autoren arbeiten als Journalisten für die ZEIT und haben Familie. Ihre persönliche Situation hat sie unter anderem dazu bewegt dieses Buch zu schreiben, das eine schlüssige Folge des Buches über die Alles ist möglich-Lüge von Susanne Garsoffky und Britta Sembach ist. Noch einmal werden alle Lebensbereiche abgetastet, die von der Umwälzung der Verhältnisse betroffen sind: Familie, Beruf, Selbstverwirklichung, die Finanzierung der Renten, die Ehe, die Achtsamkeit sich selbst gegenüber. Sehr viel pointierter als die Vorrednerinnen bringen die Autoren das Problem auf den Punkt:

Der Tag hat nur 24 Stunden, und in die muss alles reingequetscht werden, was anliegt. Es gibt kein Zeitkonto, von dem wir beliebig viel abbuchen können.

Das Problem liegt daher nicht nur an völlig fehlgeleiteten Aktionen wie dem Betreuungsgeld. Die Generation der 30 bis 45-jährigen befindet sich in einer beispiellosen Wende der westlichen Gesellschaft, an deren Schwelle niemand weiß, wie es weitergehen soll. Es müsste nach den vielen öffentlichen Diskussionen allen Beteiligten klar sein, dass es keine Lösung sein kann, die Kinder noch länger in die Kita zu geben um Karriere machen zu können.
Auch kinderlose Paare fühlen sich in dem Hamsterrrad gefangen, dass man durch Selbstoptimierungs-Tschaka-Ratgeber, den übermäßigen Genuss von grünen Smoothies und das Klosterwochenende zu überstehen versucht. Aber was versucht man zu überstehen? Das Leben an sich. Es mangelt uns allen an Zeit, die uns auch noch mehr Förderungsangebote nicht geben kann. Es ist unser Leben, dass uns zwischen den Fingern zerrinnt.

Jeder und jedem wurde eingehämmert, sich weltmarktfähig zu machen, geschmeidig und zielstrebig zu handeln, sich alle Optionen offenzuhalten und möglichst viele wahrzunehmen. Und wir haben es getan.

Die jüngere Generation hält den Mund, denn die Alten sitzen noch an den Hebeln. Wir haben Wirtschaftskrisen, Unireformen, Schulreformen, den digitalen Wandel und all die kleinen und zermürbenden Karriereschritte mitgemacht. Aber spätestens mit dem ersten Kind und dem neuen Alltag fühlt man sich ausgebootet und von Wirtschaft und Politik alleingelassen. Aus historisch bedingten Gründen meiden wir es abseits der großen Volksparteien zu wählen, den großen Aufstand wagt auch niemand mehr, denn mit welcher Demonstration, mit welcher Aktion kann man heute noch Aufsehen erregen? Wie groß muss die Masse an Anklagenden sein, damit sich alle Betroffenen zum Handeln bewegt fühlen? Geht es um harte Themen wie Bankenkrisen, sinkende Aktienkurse oder europäische Länder, die aus dem Rahmen fallen, dann geht alles ganz schnell und Frau Merkel eilt zum Ort des Geschehens. Geht es um weiche Themen wie die Zerstörung der Grundlagen eines glücklichen Lebens, dann kann man sich das als Wahlkampfthema für die nächste Wahlperiode aufheben.
Es gibt sie, diese Masse der Anklagenden, denn betroffen ist eine ganze Generation quer durch alle Schichten. Wir wissen alle, dass wir keine Rente im herkömmlichen Sinn erhalten werden. Wir wissen, dass unsere Kinder unter einem enormen Leistungsdruck groß werden. Und wir wissen alle, dass sich die Welt in dieser Geschwindigkeit nicht mehr lange drehen wird. Die vielen Bedingungen die zu dieser umfassend unerträglichen Situation beitragen werden in dem Buch “Geht alles gar nicht” durch Interviews mit betroffenen Männern und Studien belegt, die das faktische Futter für dieses Buch sind, das Amazon als Ratgeber anpreist. Dabei gibt es gar keinen expliziten Rat. Im Fokus der Unvereinbarkeit von Familie und Beruf wird sehr anschaulich gezeigt, wie sinnfrei die momentane Politik ist und die Autoren treffen den Nagel auf den Kopf wenn sie sagen:

Eine moderne Familienpolitik müsste viel größer denken. Mutiger. Radikaler.

Wie das aussehen soll, dass weiß aber niemand zu sagen. Die Politiker schweigen sich aus, Männer wie Frauen. Frau von der Leyen, was sagen Sie eigentlich als Mutter dazu? Wie haben Sie Ihre sieben Kinder großbekommen? Herr Steinbrück, inwieweit waren Sie an der Erziehung Ihrer drei Kindern beteiligt? Entweder werden die jungen Mütter und Väter für Weicheier gehalten oder es interessiert die älteren Damen und Herren einfach nicht – nach mir die Sintflut.
Genau an der Stelle hätte man sich von den Autoren den Aufruf zum Aufstand gewünscht. Wenn die alten Männer in den Vorständen kein Verständnis für das neue Bedürfnis nach mehr Leben haben, dann muss man sie das spüren lassen. Die 32-Stunden Woche für Väter und Mütter ist nicht möglich? Väter stehen unter Druck und trauen sich nicht ihre Elternzeit zu nehmen? Dann muss man sich dieser Art zu leben und zu lieben verweigern. Es gibt heute so viele Möglichkeiten Politik und Wirtschaft unter Druck zu setzen wie noch nie. Der Aufruf zum Protest bleibt aus – ein fades Ende nach einer rasanten Faktenjagd, die von Seite zu Seite wütender macht.

Es mag sein, dass unserer Generation die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nie gelingen wird. Aber vielleicht bleibt es auch ein Phänomen unserer Generation. Vielleicht wird es unseren Kindern einmal besser ergehen, weil wir Väter und Mütter von heute Pionierarbeit geleistet haben.

Aber was genau ist diese Pionierarbeit? Der Haken scheint zu sein: Wenn man diese bessere Zukunft nicht aktiv fördert, dann wird sie auch nicht eintreffen. Ex-Bundesministerin Kristina Schröder hat als erste und einzige Politikerin die Karten auf den Tisch gelegt – es folgte nichts. Eine Studie belegt, dass es keine wirksame und einheitliche Familienpolitik gibt. Die Studie verschwindet in irgendeiner Schublade. Der Stress macht die Menschen krank – es wird nicht reagiert. Social Freezing. Burnout. Kindermangel. Heulen kann jeder, aber es muss auch einmal Lösungsvorschläge geben. Eine Kindergrundsicherung wäre ganz gut. Die Möglichkeit für mehr Teilzeitarbeit wäre gut. Aber wo es nicht an der Finanzierung scheitert, da scheitert es auch an dem Mut der Menschen, einen Schritt aus dem vorgegebenen Lebensmuster hinauszutreten. Diese gesellschaftliche Wende bedarf des Mutes. Zunächst einmal herrscht aber Ratlosigkeit.

Wie möchte ich leben?

Die Autoren widersprechen sich wiederum selbst, wenn sie den Weg der Firma ‘Trumph’ aus Ditzingen für ein “gutes Beispiel” halten. Dort können die Kinder in nahen Kitas bis 19 Uhr kostenfrei untergebracht werden und das Abendessen kann aus der Betriebskantine mitgenommen werden. “Man kann daraus lernen, dass die Fürsorge eines Arbeitgebers für seine Mitarbeiter nicht am Werkstor endet”, so die Autoren. Nun gut, das Beispiel zeigt vielmehr, dass den Mitarbeitern eine völlige Aufgabe des Privatlebens auferlegt wird. Bleiben die Kinder bis 19 Uhr in der Kita, ist auch einfach keine Zeit mehr für ein gemeinsames Essen.
Vielleicht gibt es tatsächlich Menschen die mehr Zeit außerhalb des Büros für sich haben möchten, in der sie ein leckeres Essen mit ihren Liebsten zaubern wollen. Dazu braucht es neue Lebenszeit-Modelle, die Menschen eine selbstgewählte, flexible Balance zwischen verschiedenen Lebensbereichen – vor allem in der “Rushhour des Lebens” erlauben. Es braucht auch ein völlige Wende in Bezug auf die Löhne von Mann und Frau, denn vor allem Alleinerziehende und Geringverdiener können nicht einmal ansatzweise daran denken weniger zu arbeiten. Es geht um so viel mehr als eine neue Familienpolitik – es geht um einen Wandel, der die Strukturen der digitalen Gesellschaft erfasst.
Die Anstöße dazu kommen sicher nicht aus der heutigen Politik und auch nicht aus der Wirtschaft. Wer kann sie starten, die Wende? Aktionsbündnisse, politische Vereinigungen, Verbände und Gewerkschaften müssen aktiv werden. Die sozialen Netzwerke, Medien und die Generation Y sind dazu angehalten ihre Lebensbedingungen eigenständig zu gestalten und sich bewusst mit der Frage auseinanderzusetzen, wie sie leben möchten.
Dabei geht es nicht einmal nur darum, ob man Kinder haben will oder nicht – es geht darum wie viel mir eine Karriere und ein dickes Geldpolster bedeutet und auf welches Leben ich einmal zurückblicken möchte. Der Tag wird auch in vielen Jahren noch 24 Stunden haben. Wir müssen Prioritäten setzen. Und die sollten auf den Menschen und Dingen liegen, die uns persönlich bereichern. Auch ein Vorstand legt am Abend seine Krawatte und das Hemd ab um mit dem Enkelkind ein Bilderbuch anzuschauen. Warum sollte diese Menschlichkeit und Verletzlichkeit nicht auch im wirtschaftlichen Leben zugelassen werden? Denn zum Schluss sind wir alle Kinder.

(Das ist jetzt auch John Lennon, aber doch ein direkter Aufruf zu mehr Mut im Business.)

Marc Brost, Heinrich Wefing: Geht alles gar nicht. 
Rowohlt Verlag, 240 Seiten, 16,95 Euro.