Im September erschien das Buch “Die Alles ist möglich-Lüge” der beiden Medienfrauen Susanne Garsoffky und Britta Sembach. Nachdem die Frauen aus der Generation X jahrelang versuchten beruflich perfekt zu funktionieren und trotzdem auch als Familie organisiert durch den Alltag zu kommen, möchten sie nun mit der Alles ist möglich-Lüge aufräumen. Die Alles ist moeglich-Luege von Susanne GarsoffkyIn dem Buch werfen sie mit Statistiken um sich und legen Studien vor, die alle in wenigen Aussagen münden:

  • Frauen werden schlechter bezahlt als Männer, ob in Vollzeit- oder Teilzeitjobs
  • Männer nehmen aus falschem Selbstverständnis und Angst vor dem Abbruch der Karriere ihre Vaterrolle nicht wahr
  • Frauen wie Männer wird das berufliche Weiterkommen und der Aufstieg mit Kind extrem schwer gemacht
  • Frauen arbeiten oft in prekären Arbeitsverhältnissen
  • Frauen wird noch immer die Mutterrolle als natürliches Bedürfnis untergeschoben – Männern hingegen nicht
  • Trotzdem wird Frauen heute ein unbedingter Willen zum Arbeiten abverlangt

Manchmal drücken sich die beiden Autorinnen etwas sperrig aus, die Wut über die Situation schreit aber durch jede Zeile. Es ist egal wie viele Maßnahmen die Regierung noch in das Leben ruft – nicht eine davon gibt uns mehr Lebenszeit, die wir mit unseren Kindern verbringen können. Man kann die Wut im Grunde nicht einmal auf die Politik richten, denn der Tag hat nachweislich nur 24 Stunden. Wenn wir davon acht Stunden mit Schlafen verbringen, acht bis zehn Stunden mit Arbeiten und dem Arbeitsweg, dann bleiben bis zu acht Stunden um die Kinder morgens für die Kita oder Schule fertig zu machen, sie dorthin zu bringen, selbst zu essen, Erledigungen zu machen oder Einkaufen zu gehen. Dazu kommt der Haushalt, Hausaufgaben machen, Kochen usw.
Die Generation Y hat es der Generation X voraus, dass sie weiß, dass der Beruf nicht alles ist im Leben. Wir brauchen Zeit für uns, für das Pflegen der Beziehung, für das Gärtchen oder einen Ausflug ins Grüne. Lebensqualität ist das Stichwort. Die Alles ist möglich-Lüge ist aufgedeckt und da Maßnahmen von oben nicht alles sein können (vor allem nicht von Ministerinnen die selbst ihre Familie in den Hintergrund stellen um beruflich voranzukommen und einer Frau von der Leyen, die seit neustem gern in Krisengebieten mit Fönwelle fotografiert wird), ist jedes einzelne Individuum und die Manager in den Unternehmen – die doch selbst Mütter und Väter sind – dazu aufgerufen, etwas zu ändern.

Macht kaputt, was euch kaputt macht: Arbeitgeber müssen umdenken

Die Autorinnen sind sich einig darüber, dass sich das Klima und die Möglichkeiten in jedem einzelnen Unternehmen  ändern müssen. Ohne staatlichen Anreiz und gesellschaftlichem Druck wird das aber nicht passieren und das aus zwei Gründen: Große Konzerne haben wohl Angst, dass die Produktivität und die Zahlen nicht mehr stimmen, wenn jeder solange und vielleicht auch im Home Office arbeiten würde. Zum anderen liegt es aber noch immer am typisch deutschen Gedanken, dass nur die Harten in den Garten kommen.
Männer sind die Macher der deutschen Gesellschaft, sie geben als Vorstände und Manager den Ton an. Sie sehen einfach nicht wo das Problem liegt und hegen die Idee, dass nur der Erfolg hat, der Präsenz und Leistungswillen zeigt – und sich bückt. Frauen sind aber nicht besser. Wie die Autorinnen sehr gut analysierten, haben die Frauen an der Spitze von Unternehmen selbst Familie, Mann und Kind vernachlässigt um Karriere machen zu können – so läuft es eben. Vielleicht ist es nur menschlich, dass sie ihren Nachfolgerinnen nun dasselbe abverlangen – warum soll es ihnen auch besser gehen?

Warum es keine Antwort auf die Frage nach dem “Wie” gibt

Am Ende des Buches bleibt man als Leser etwas ratlos zurück. Die Fakten liegen auf dem Tisch, man hat die Probleme analysiert – nur eine Lösung ist nicht zu finden. Und das hat einen Grund: es geht nicht um Politik, sondern um den Sinn des Lebens. Wir können natürlich weiterhin tausende zusätzliche Kindergartenplätze schaffen, damit Mütter wieder arbeiten können und das möglichst lang. Schön, wenn es für Schicht-Arbeiterinnen Kita-Plätze mit Übernachtung gibt. Die Politik versucht alles um Männer und Frauen gleich zu behandeln, auch was die Arbeitswelt betrifft. Nur schießen diese Ideen völlig an der Realität vorbei. Es werden heute keine Kinder mehr in die Welt gesetzt, damit die Eltern sich für den Ruhestand absichern können. Der Mensch möchte (sehr oft) eine Familie gründen, das Großziehen des eigenen Nachwuchses ist ein Grundbedürfnis des Menschen (der aber sicher nicht bei jedem Mensch vorhanden ist). Viele Männer und Frauen die sich tatsächlich gegen Kinder entscheiden treffen diese Entscheidung aus finanziellen Gründen, bei manchen existiert aber auch einfach kein Kinderwunsch. Sicher ist aber, dass Eltern mit ihren Kindern in Kontakt stehen möchten, sie aufwachsen sehen und aus ihnen glückliche Erwachsene machen möchten.
Das ist mit einem Vollzeitjob ohne jegliche Flexibilität nicht möglich. Neben dem Beruf gibt es viele andere Dinge, die man organisieren muss: es werden Helfer für das Sommerfest gesucht, der tägliche Einkauf wartet, Arztbesuche müssen geplant werden oder das Fahrrad in Reparatur gegeben werden. Nur Arbeit und Alltagsstress macht das Leben aber auch nicht lebenswert. Man möchte Sport machen, einem Hobby nachgehen, mal ein Buch lesen, zum Frisör gehen, Zeit als Paar haben oder gemeinsam etwas kochen. Und ein Minimum an Schlaf wäre auch gut. Kinder lassen sich nicht wegorganisieren bzw. wurden sie dafür nicht geboren. Das sieht jeder Mensch ein, auch Politiker und Arbeitgeber – denn sie alle waren einmal Kinder. Deutschland gilt als Land der Innovationen, es wäre also tatsächlich denkbar, dass die Politik über ihren Schatten springt und in allen familienfreundlichen Maßnahmen einmal aufräumt.

  • Arbeitszeiten müssen flexibel sein
  • Homeoffice muss auf allen Ebenen eines Unternehmens möglich sein
  • Vor allem Frauen müssen in einer Teilzeit-Stelle ausreichend verdienen um davon auch als Alleinverdienerin leben zu können
  • Es muss Männern wie Frauen auch mit flexiblen Arbeitszeiten möglich sein, beruflich voran zu kommen

Es muss auch Freelancern möglich sein in bestimmten Phasen weniger zu arbeiten und trotzdem ausreichend zu verdienen. Vielleicht sollte man tatsächlich über ein bedingungsloses Grundeinkommen nachdenken. In jedem Fall muss sich etwas grundlegend ändern – vor allem in den Köpfen der Menschen – denn jeder Mensch ist ein “soziales Tier”, auch wenn er es in Bezug auf den Beruf oft ausblendet. In Zukunft muss es aber möglich sein , dass wir ohne Existenzängste neues Leben in die Welt setzen können – und selbst dabei nicht auf der Strecke bleiben.

Susanne Garsoffky und Britta Sembach: “Die Alles ist möglich-Lüge”