Die 23. dokumentART in Neubrandenburg hat begonnen und nun soll es einen letzten Tipp geben. Am Montag kann man sich am Tollensesee den vielgelobten Dokumentarfilm “Anderson” anschauen – genau das richtige Anschauungsmaterial zum Thema “25 Jahre Mauerfall”. Auch ein in diesen Wochen erschienenes Buch widmet sich dem Leben vor dem Mauerfall und wirft einen Blick auf eine wenig beachtete Gesellschaftsschicht: die Studenten und Aussteiger der DDR. In Film und Text wird der nahtlose Wechsel von Freund und Feind sichtbar – die Sicht wird immer durch das System in dem wir leben, bestimmt.

"Anderson" macht die Beziehungen in der Künstlergemeinde des Prenzlauer Berges in der DDR sichtbar.

“Anderson” macht die Beziehungen in der Künstlergemeinde des Prenzlauer Berges in der DDR sichtbar.

In diesen Tagen werden wieder vermehrt die berühmten Bilder von Menschen im Fernsehen gezeigt, die mit dem Trabi über die Böse-Brücke an der Bornholmer Straße fuhren. Sie wollten in die Freiheit, die sie in der DDR nie verspürten. Immer vermisste man in den Dokumentationen und Zeitzeugenberichten eine besondere Schicht der Gesellschaft: Künstler, Freigeister und Studenten. Einige wenige gelten als vorzeigbare Exemplare: Nina Hagen sagte der DDR adieu, Wolf Biermanns Zwist mit dem Regime ist bekannt. Die Produzentin Annekatrin Hendel nimmt in ihrer Trilogie “Verrat” die Orte und Menschen in den Blick, denen man in den vergangenen 25 Jahren eher wenig Beachtung geschenkt hat. Ihr neuer Film “Anderson” weckt Erinnerungen an die Künstlerszene im Prenzlauer Berg.

Der Feind in meiner Küche

Denkt man an die Strukturen in der DDR zurück, dann hat man den Zusammenhalt vor Augen, der die Bürger miteinander verband. Man teilte sich das wenig vorhandene und machte gemeinsam das Beste aus der Situation. Das sollte doch vor allem für die Künstler gelten, die sich unter Beobachtung wussten.
Der Schriftsteller Sascha Anderson war in den 1980ern der Popstar des kreativen DDR-Undergrounds, 1991 wurde er als Stasi-Spitzel  ersten Ranges enttarnt. Ein Skandal. Mehr als 15 Jahre teilte er Freud und Leid mit seinen Freunden im Prenzlauer Berg – und teilte es auch mit der Staatssicherheit. Der Film “Anderson” erzählt von seinem bewegten Doppelleben zwischen Dissidententum und Verrat – und was es bedeutet, mit Lüge und dem nicht abwaschbaren Stempel des Verräters zu leben. Annekatrin Hendel hat die, die nicht mehr miteinander reden, zum Reden bewegt und sie virtuell wieder an den Tisch gesetzt, an den Anderson seit fast 25 Jahren nicht mehr eingeladen wird. Wie zuvor der erste Teil der Trilogie, “Vaterlandsverräter”, zeichnet auch “Anderson” ein vielschichtiges Bild von der Situation der Künstler in der DDR. Es wird aber auch das Band deutlich, dass alle Beteiligten noch immer eint, denn in einer gewissen Form haben einige Betroffene Verständnis für sein Handeln – waren sie nicht alle Teil des Systems?

Heute hier, morgen dort

Fast unscheinbar sind in der kollektiven Erinnerung die jungen Erwachsenen in der DDR. Viele Bücher gibt es über die FDJ-Pioniere, zerbrochene Lieben, wenn die Herzallerliebste direkt von Karl-Marx-Stadt in den Westen türmte und das Erwachsen werden zwischen Nudossi und Filinchen. Über die Studenten und andere Menschen Anfang der 20 wird hingegen nicht sehr viel erzählt. Das ändert Christoph Brumme mit seinem Roman “Ein Gruß an Friedrich Nietzsche”. Ost-Berlin, späte 80er Jahre: Horst, genannt „Bobby“, Fischer, Paul Hansen und Franz Schönlein, der eine ein gruß von friedirch nietzsche brumme journalistin berlin gesuchtStudent der Philosophie, der andere Gärtner, der Dritte Friedhofsmusiker, führen ein anarchisch-subversives Dasein. Bobby lebt illegal in einer heruntergekommenen Wohnung im Prenzlauer Berg. Damit gerät er sofort in den Blick von Stasi-Hauptmann Welke, der diese Wohnung für verschiedene Aktivitäten selbst hin und wieder in Beschlag nahm. Welke trinkt viel und ist leicht paranoid:

Drei Staatsfeinde hatte er in den letzten Monaten in den Knast gebracht, also einer rechtmäßigen Strafe überführt. Aber, wie schon der Genosse Stalin gesagt hatte, der Hauptfeind ist stets da, wo wir zu kämpfen aufgehört haben. […] Sie schossen schneller aus dem Boden als Pilze nach einem kräftigen Herbstregen. Denn die Einsicht in das Notwendige war nicht jedem gegeben.

So setzt Welke ein ganzes Heer von IM auf ihn an, zumeist Frauen, die unter der Bettdecke Bobbys wahre Seite finden sollen. Das Verwirrspiel der Stasi-Bespitzelung steht aber nur im ersten Teil des Romans im Mittelpunkt, leider bleibt hier auch der Friedhofsgärtner Franz sehr farblos.  Stark wird der Roman im zweiten Teil, der die Inhaftierung von Paul zum Thema hat. Der wollte “über die Grenze machen”, wegen nachlässiger Planung kam es jedoch nicht einmal ansatzweise zu einem Fluchtversuch. Trotzdem wird er zu einer Haftstrafe verurteilt, der Leser begleitet ihn bis in die Strafvollzugsanstalt in Schwarze Pumpe. Hier wurde mitten in der Lausitz, in der Nähe von Cottbus Braunkohle abgebaut. Häftlinge verlegten in einer schweren körperlichen Arbeit die benötigten Schienen für den Abtransport der Kohle.

Wenn man mit zwei Schippen und einer Spitzhacke auf der Schulter durch den Sand läuft, ist man nach einer halben Stunde erschöpft. wir hatten in der heißen Sonne unsere Drillichanzüge an und schwitzten sowieso schon, in den Gummistiefeln latschte man wie in Suppe. Manchmal musste einer als Strafe die schwere Winde allein schleppen – fünfundsiebzig Kilo. Und wir liefen oft länger als eine halbe Stunde!

Brumme erzählt eindringlich von den Zwangsverbrüderungen innerhalb der Zellen, dem Zusetzen von schlechtem Essen und zeichnet Schicksale, die der völligen Willkür des Staates ausgeliefert sind. In einer Art Prolog treffen die Protagonisten nach dem Fall der Mauer wieder aufeinander, sie haben ihren Weg gemacht, auch Welke. Der Schluss macht wieder einmal die Besonderheit des Untergangs der DDR deutlich: Wer gestern noch Stasi-Spitzel war oder offiziell ein Hauptmann Welke war, der steht heute ohne Schutz da, ist nur noch ein Rädchen im Getriebe der Bundesrepublik. Und wer früher der Feind war, kann heute der Freund sein – oder umgekehrt.

 Christoph Brumme: Ein Gruß an Friedrich Nietzsche

 

dokART 2014: “Anderson” – Ort und Zeit

Latücht Film & Medien e.V.
Große Krauthöferstr. 16
17033 Neubrandenburg
Montag, 13. Oktober 2014, ab 15.30 Uhr

 www.dokumentart.org