Vom 10. bis 14. Oktober 2014 findet in Neubrandenburg die nunmehr 23. dokART – Europäisches Dokumentarfilmfestival statt. Das Frollein stellt bis zum Start jeden Freitag einen Film aus dem diesjährigen Wettbewerb vor. Heute: Fear – Reconstruction. 

Viktoria denkt an die Zeiten zurück, bevor sie im 200-Seelen-Dorf Rekonstrukcija gelandet ist.

Viktoria denkt an die Zeiten zurück, bevor sie im 200-Seelen-Dorf Rekonstrukcija gelandet ist.

Viktoria muss selbst lachen. Mit zwei ihrer Schülerinnen muss sie zu einer Olympiade für Schüler fahren. Beide belegen mit die letzten Plätze. Wer soll auch wissen wo Kairo liegt, wenn es doch außerhalb von Russland liegt. Aber auch beim Heimatland hapert das Wissen. Von den pubertierenden Schülern werden einfach mal schnell die japanischen Inseln dem Mutterland einverleibt. “Ich weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll”, resümiert die junge Lehrerin. Aber das ist nur eine Facette des Dokumentarfilms “Fear – Reconstruction”.

Den Schein erhalten

Der Film begleitet die junge Lehramtsabsolventin Viktoria und er beginnt mit der rauschenden Feier zum Abschluss ihrer Ausbildung. Großes scheint vor ihr zu liegen. Für ihre erste Stelle wird sie nach „REKONSTRUKCIJA“ versetzt – ein Dorf in der russischen Provinz, es zählt höchstens 200 Seelen. Sie wohnt in einer heruntergekommenen Wohnung, fließend Wasser scheint sie nicht zu haben. Um beim Blick aus dem Fenster nicht ständig verwaiste Häuser und Ruinen sehen zu müssen, zwischen denen Kühe weiden, macht es sich die junge Frau etwas gemütlich und platziert rüschige Gardinen vor den Scheiben. Der Zustand der Wohnung passt sich aber auch nur dem Verfall des

In Rekonstrukcija feiert man den ersten Schultag noch immer wie vor 25 Jahren.

In Rekonstrukcija feiert man den ersten Schultag noch immer wie vor 25 Jahren.

restlichen Landstrichs an. Demgegenüber steht die hochgehaltene Festlichkeit des ersten Schultages eines jeden neuen Jahres. Da wird Festmusik vom Rekorder abgespielt und keiner weiß so richtig wo er hinschauen soll – so mancher Jahrgang hat nur einen Schüler. In Deutschland hätte man die Schule wahrscheinlich längst geschlossen. Bizarr wirkt bei dieser Realität der Pomp der vergangenen Rituale der Sowjetunion. Wurden früher alle Schüler auf Disziplin und dem Eintrichtern von Wissen gedrillt – womit die Olympiaden auch durchaus erfolgreicher vonstatten gingen – herrscht heute ein Klima von Belanglosigkeit. An den Traditionen hält man aber fest – aus Gewohnheit?

Hat Putin keine anderen Probleme?

Dabei stört in diesem Film gar nicht so sehr, dass die Kids nicht den ganzen Tag am Computer hängen und in Schale geschmissen werden. Lieber toben sie auf den Plätzen des Dorfes und machen die Gegend unsicher. Es stört auch nicht, dass die Erwachsenen scheinbar nur im Unterhemd das Haus verlassen. Jedem das seine. Wenn sie glücklich sind, dann soll es so sein. Vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse und dem Bestreben Putins, Neurussland zu unterstützen und anscheinend wieder glänzende russische Zeiten entstehen zu lassen, fragt man sich etwas ratlos: Wenn das der Stereotyp seines Landes ist, dass da im Hinterland rumgurkt, warum beschäftigt er sich im äußersten Westen mit dem Hinzugewinnen von Land? Er schafft es ja nicht einmal der jetzigen Bevölkerung einen gemäßigten Wohlstand zu bieten. Das ist wahrscheinlich die eigentliche Botschaft des Films: Während die Realität der Globalisierung und allem was daran hängt längst in Rekonstrukcija angekommen ist, verhaftet das Volk in einer Starre und dem Blick nach hinten, weil nichts anderes bleibt. Und mittendrin die junge Lehrerin mit einem Traum und Ideal.

Ort und Zeit

Latücht Film & Medien e.V.
Große Krauthöferstr. 16
17033 Neubrandenburg
Dienstag, 14. Oktober 2014, ab 12.30 Uhr

 www.dokumentart.org

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