Vom 10. bis 14. Oktober 2014 findet in Neubrandenburg die nunmehr 23. dokART – Europäisches Dokumentarfilmfestival statt. Das Frollein stellt bis zum Start jeden Freitag einen Film aus dem diesjährigen Wettbewerb vor. Heute: Stay the Same.

Still from Stay the Same_ kulturjournalist gesucht berlin

Eine der vielen Facetten von Sam Firth.

In den sozialen Medien sieht man seit einigen Monaten sehr oft sogenannte “Second a Day”-Videos. Dabei fotografieren oder filmen sich Menschen jeden Tag oder ein Mal pro Woche in einer bestimmten Länge – eine Sekunde oder länger – und schneiden das Ergebnis zu einem Video zusammen. Es entstehen unterhaltsame Clips von Menschen die man altern sieht, Babys die im Zeitraffer von Neugeborenen zu Kleinkindern werden oder schwangere Frauen, denen in Sekundenschnelle ein Bauch wächst – bis er mit einem Schlag wieder fort ist.

Wann ist Video-Art Kunst?

Einer der Wettbewerbsfilme auf der diesjährigen dokART bedient sich derselben Idee. Die britische Regisseurin Sam Firth filmte sich jeden Tag, morgens vor 8.30 Uhr, für ein paar Minuten. Die umgebende Landschaft zeigt ein schottisches Loch. 14 Minuten lang ist das Video, das 365 Tage zeigt. Was ist das Besondere an dem Video? In den britischen Medien wurde kritisiert, dass Sam Firth eine öffentliche Förderung für dieses Projekt erhalten hat. Angeblich würde sie 160 Pfund pro Stunde erhalten, um sich vor die Kamera zu stellen.
Also warum hat es sich tatsächlich gelohnt diesen Kurzfilm zu unterstützen? “Stay the Same” heißt der Film – aber nichts bleibt gleich. Die Landschaft verändert sich mit den Gezeiten und Jahreszeiten – nach hellen Aufnahmen sieht man bald den Herbst nahen, es wird windig, man sieht förmlich die Kälte unter die Kleidung kriechen. Bleibt vielleicht die Protagonistin immer dieselbe? Nein.

Steckt der Sinn im Ganzen oder im einzelnen Moment?

Mit jeder Jahreszeit wechselt die Aura Sam Firths. Man sieht Geschichten in ihren Augen, Gedanken in ihren Mundwinkeln und Stimmungen auf der Stirn. Die Lebensfreude sinkt mit den Temperaturen –  was beschäftigt sie? Ist das nicht Liebeskummer, der sie so ins Leere starren lässt? Überdenkt sie ihr Leben, wenn sie den Tränen nahe scheint? Und bei den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings bekommt sie rote Wangen und ein schelmisches Zwinkern holt sie zurück ins Leben.
Die Investition hat sich gelohnt. “Stay the Same” zeigt wunderbar, dass nach tiefer Dunkelheit wieder Licht kommen wird und jeder Mensch viele Persönlichkeiten hat. Je nachdem in welcher Phase wir uns befinden, wirken wir anders. Damit ist jeder Schnipsel Leben, jedes Zusammentreffen mit einem Menschen immer doch nur ein Teil eines großen Puzzles. Und vielleicht sollte man nicht versuchen, das Ganze zu verstehen, den Sinn des Lebens.

 

Ort und Zeit

Latücht Film & Medien e.V.
Große Krauthöferstr. 16
17033 Neubrandenburg
Samstag, 11. Oktober 2014, ab 20 Uhr

 www.dokumentart.org

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