Vom 10. bis 14. Oktober 2014 findet in Neubrandenburg die nunmehr 23. dokART – Europäisches Dokumentarfilmfestival statt. Das Frollein stellt bis zum Start jeden Freitag einen Film aus dem diesjährigen Wettbewerb vor. Heute: Ein Short Film über die ersten Wochen eines kleinen afrikanischen Jungen, der als Flüchtling in die Niederlande kommt.

Tanans schaut in eine neues Leben, das Geborgenheit verspricht (Still "Nieuw".

Tanans schaut in eine neues Leben, das Geborgenheit verspricht (Still “Nieuw”.

Der Zuschauer begleitet den 8jährigen Tanans unkommentiert  durch seine ersten Tage in einer niederländischen Kleinstadt. Man muss es sich mit den Augen eines Kindes vorstellen, dieses europäische Leben mit kleinen Hunden an Leinen, den geometrischen Stadtplänen, den bunten Verlockungen im Supermarkt und dem geregelten Chaos des Alltags zu verstehen. Mit großen, staunenden Augen nimmt der Junge alles auf und lässt wissen, dass er es hier großartig fände. Er lebt mit anderen Afrikanern in einem Flüchtlingslager der UNHCR. Eine kurze Rückblende und verschwommene Bilder lassen erahnen, warum Tanans geflohen ist.

Perspektivenwechsel – Flüchtlinge besser verstehen

“Nieuw” ist ein eindrucksvoller Film mit aktueller Relevanz. In Europa herrscht im Moment eine bestürzte Stimmung angesichts der Situation in der Ukraine, der Massenflucht aus Syrien und dem Vordringen der IS. Einige Bürger haben Angst vor den vielen “Fremden”, die Schutz in europäischen Ländern suchen, in Berlin fragt man sich, wo alle Flüchtlinge unterkommen sollen und es gibt Menschen, die vermuten, dass Ausländer nach Deutschland und die EU kommen, um das soziale System auszunutzen. Immer nehmen wir dabei unsere Perspektive ein, unser Mitleid reicht nur bis zur emotionalen Grenze – man muss auch ganz objektiv über die Folgen der Flüchtlingswellen denken.

Helfen zu leben – nicht zu fliehen

Das Beispiel von Tanans zeigt ohne viel Worte, dass jeder Flüchtling sein eigenes Päckchen trägt und allein auf der Suche nach Sicherheit ist. Die Sicherheit ein Bett zum Schlafen zu haben, etwas zu essen, Ruhe und nicht der Lärm der Gewehrsalven – man kann es auch Seelenruhe nennen. Wahrscheinlich kann man sich als Europäer nicht vorstellen, wie es ist in einem Land zu leben, in dem Kinder als Soldaten rekrutiert werden und das Chao in all seinen Facetten zum Alltag gehört. Niemand möchte so leben. “Nieuw” zeigt das Leben eines Flüchtlings von der anderen Seite und macht so begreifbar, wie eingreifend solche Veränderungen für ein Kind sein müssen. Tanans findet eine Freundin, mit der er spielen kann und die ihm Niederländisch beibringt. Den Grund seiner Flucht beginnt sie zu verstehen, als sie nach seinen Eltern fragt. Sie sind tot, aber er wisse nicht warum, erzählt er stotternd. „Nicht weinen“, tröstet Tanans sie, „das ist nicht gut!“ Und dann bricht es selbst aus ihm heraus. Tanans zeigt auf wunderbare Weise, dass man nach vorn schauen muss. Ihn begeistern Fahrräder und mit der Hilfe seiner neuen Freundin kann er nach einigen Fehlschlägen letztendlich den Weg allein befahren.

Ort und Zeit

Latücht Film & Medien e.V.
Große Krauthöferstr. 16
17033 Neubrandenburg
Samstag, 11. Oktober 2014, ab 20 Uhr

 

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