Die Niederlande und Flandern haben mehr zu bieten als grenzenlose Tulpenfelder, Gewächshaus-Tomaten und Käse: Vom 19. bis 23. Oktober sind Flandern und die Niederlande Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse 2016. Das Frollein stellt Autoren und Bücher vor, die man als perfekte Vorbereitung kennen lernen sollte. Heute: Klaartje de Zwarte-Walvisch.

Klaartjes Aufgabe: Das Unmögliche begreifen

Klaartje ist eine Näherin und lebt in den 1940er-Jahren mit ihrem Mann in Amsterdam. Ihr geheimes Tagebuch macht es erlebbar, wie unfassbar und wider der Natur das Leben und Handeln in der Zeit des Nationalsozialismus gewesen sein muss. Die Niederlande kämpft seit Jahrzehnten den Kampf ihres Erbes. Wie auch in einigen anderen europäischen Ländern wurden die Nazis in dem kleinen Land von vielen Menschen willkommen geheißen. Es etablierte sich eine niederländische SS, die wie ihr deutsches Vorbild handeln wollte. So hatte es Hitlers Regime einfach, auch in den Niederlanden grauliche Verbrechen zu begehen. Im Nachhinein und nach vielen Stunden Geschichtsunterricht und N24-Reportagen scheint klar zu sein, wie es zum Zweiten Weltkrieg und den nationalsozialistischen Bewegungen Europas kommen konnte. Aber was im Großen Sinn schlüssig scheint, ist doch im Kleinen unfassbar: Wie kann es sein, dass meine Nachbarn plötzlich zu Feinden werden, nur weil ich jüdisch bin? Wie kann es sein, dass der Postbote plötzlich als Aufseher zum Mörder in einem Konzentrationslager wird? Warum werden niederländische Bürger plötzlich Anhänger der Nazi-Bewegung? Für Klaartje de Zwarte-Walvisch ist es undenkbar, dass sie einmal behandelt werden würde wie ein Mensch zweiter Klasse. Warum auch? Sie ist anständiger Mensch, lebt in Amsterdam, ist verheiratet und geht arbeiten.

Wie kann das möglich sein?

Als sie am 22. März 1943 von “Judenjägern” von zu Hause abgeholt wird, bleibt sie taff und schaut ihrem Schicksal klar in die Augen. Was da kommen mag, das wusste sie nicht. Es gingen Gerüchte herum, wie es in den niederländischen Arbeitslagern zugeht, genaueres wusste aber niemand. Das Schicksal der vielen Juden ist aber auch so ungeheuerlich, dass man es sich vorher nicht vorstellen konnte. Noch beharrt Klaartje auf ein Stück Menschenwürde – für sie zählen noch die normalen Umgangsformen, von Mensch zu Mensch. Sie wird abgeholt, ihr Mann kommt zu früh nach Hause und muss so auch mit. Sie dürfen Koffer mitnehmen, es scheint tatsächlich wie eine Umsiedelung der niederländischen Juden. Als die tagelang mit hunderten anderen Menschen im ehemaligen Theater einkaserniert sind und die Sitten rauer werden, realisiert Klaartje nach und nach ihre missliche Lage.

Diese Menschen und so viele andere konnten die Situation nicht verarbeiten und fingen an, wirres Zeug zu reden und verrückte Dinge zu tun. War das denn erstaunlich? Waren die Nerven dieser Menschen nicht bis zum Äußersten angespannt und auf die Probe gestellt, und was würden sie noch alles durchstehen müssen? War jeder menschliche Organismus dafür ausgerüstet und stark genug, um es auszuhalten?

Klaartje wird deportiert und verbringt die nächsten Wochen im Kamp Vught (Konzentrationslager Herzogenbusch). Dort schafft sie es, ein Tagebuch zu führen und ihre Erlebnisse und Eindrücke festzuhalten. Wie auch sie selbst sind ihre Eintragungen praktisch und nüchtern geschrieben. So kann  man möglicherweise auch einen emotionalen Abstand zu den Ereignissen halten, ohne den man wahnsinnig werden würde. Sie leidet Hunger, wird von ihrem Mann getrennt, Krankheiten lassen die Gefangenen dahinsiechen.

Dass wir Juden solcher Schamlosigkeit ausgesetzt werden würden und von jedem, dem der Sinn danach stand, bespuckt und besudelt werden konnten, nein, das hätten doch die wenigsten vermutet. Wenn ich manchmal meinen Blick über meine Lagergenossinnen schweifen lasse und daran denke, dass ich unter ihnen viele Intellektuelle befinden, drängt sich mir immer wieder die Frage auf, wie das, was wir durchmachen, überhaupt möglich sein kann.

Eine Antwort wird Klaartje nicht mehr erhalten. Am 16. Juli wird sie kurz nach ihrer Ankunft im Lager Sobibór ermordet.

Anne Franks Geschichte geht weiter

Das Tagebuch der Näherin ist wie eine Fortsetzung von Anne Franks Tagebuch. Während die Stimme der Jugendlichen mit der Entdeckung ihres Verstecks verstummt, setzt hier Klaartje ein, die durch ihr Alter die Dinge noch besser beschreiben kann, als Anne es konnte. Es ist ein nahezu einmaliges Dokument aus einem Konzentrationslager, das die Fassungslosigkeit der Gefangenen verrät: Wie können die Menschen, mit denen wir gerade noch friedlich zusammenlebten, uns nun einsperren und uns unsere Würde nehmen? Und warum? Das Tagebuch konnte über einen Verwandten gerettet werden, der es kurz vor ihrer Deportation von ihr erhielt. Lange Jahre lag es vergessen auf einem Dachboden, jetzt wurde es entdeckt, und Klaartjes großer Wunsch geht in Erfüllung: “Ich hoffe inständig, dass alles, was ich hier aufgeschrieben habe, einmal die Außenwelt erreicht.” (Klaartje de Zwarte-Walvisch, Tagebucheintrag vom 4. Mai 1943, KZ-Herzogenbusch).

Klaartje de Zwarte-Walvisch:  Mein geheimes Tagebuch (März – Juli 1943)

C.H. Beck Verlag, München 2016, 202 Seiten, ISBN 978-3-406-68830-0, 17,95 Euro.